Ameisenpudding und Schuhphobie

von
Jennifer Giwi

Die AZ berichtet über mysteriöse Unfälle


Sie war klein, lebhaft und voller Ideen. Vor allem liebte sie es, mit ihren Freunden im Wald rumzutoben. Gerade morgens machte dies am meisten Spaß, wenn sich die Sonnenstrahlen noch in den Tautropfen spiegelten. Denn dann ging es immer sehr lebhaft zu.
Sie hüpften von Blatt zu Blatt, kletterten an Bäumen hoch und wetteten, wer zuerst am Kuckucksloch vorbei die Krone des Baumes erreichen würde.
Joggten dann die Menschen ihre Runde, so begann ihr Lieblingsspiel: Zwischen den Füßen der Menschen vorbeizurennen und so schnell wie möglich die andere Seite des Weges zu erreichen.
Dabei war sie es immer wieder, die als Erste drüben war und das machte sie beliebt, nicht nur bei ihren Freunden, auch die Weinbergschnecke und der Regenwurm riefen ihr immer ein großes Lob zu, wenn sie es mal wieder vor den anderen geschafft hat, dieses abenteuerliche und doch sehr gefährliche Spiel zu gewinnen.
Doch gab es auch Tiere, die dieses Spiel verabscheuten, ja, die sogar nicht einmal anzusprechen waren, wenn sie bei diesem spielerischen Umhertoben zwischen den großen Füßen der Menschen nur zusahen. Großmutter Jana, vor allem, hatte eine himmlische Angst und man musste versuchen, dieses Spiel heimlich zu spielen. Wurde man von ihr erwischt, sei es, weil man zu laut kreischte oder weil Klein Jonas sich mal wieder als Petze versuchen musste, dann war es am besten zu rennen, was das Zeug hält. Denn hat dich Großmutter Jana am Ärmel gepackt, so werden die Ohren erst einmal ganz lang gezogen und dein Blut steigt dir in den Kopf, weil eine Kuchenrolle im Zwei-Sekunden-Takt auf deinen zierlichen Hintern schlägt.
Doch schlimmer war die Geschichte die sie dann jedes Mal wieder erzählte. Die Kuchenrolle hat sie nur zur Verstärkung eingeführt, weil sie wohl sonst erfolglos wäre. Dabei ist Großmutter Jana sonst die liebste Ameise auf der ganzen Welt und es gibt bei ihr immer so leckeren Ameisenpudding mit Semmelbrösel.
Keiner kann sich erklären, warum Großmutter Jana ausrastet, wenn sie erfährt, dass die Kleineren dieses verrufene Spiel spielen. Bist du erwischt worden und hast nun einen Abdruck auf deinem Hintern, so würdest du am liebsten einen Tag lang nicht mit Großmutter Jana reden. Einen Tag, das ist für eine Ameise zehn Jahre. Ihr müsst euch vorstellen, dass sie alles viel größer sieht. Dies ist auch der Grund, weshalb Großmutter Jana solche Angst hat.
Sie hat ihre Mutter durch diese großen Menschenfüße verloren. Wie schlimm war es doch damals für sie gewesen. Sie kann sich noch ganz genau daran erinnern. Sie war mit ihrer Mutter auf dem Weg zu Tante Gerti gewesen und sie waren spät dran.
Jana lief ihrer Mutter voraus, denn sie liebte es, über Blätter und kleine Steinchen zu hüpfen. Sie war wohl schon einen kleinen Finger voraus, als sie plötzlich hörte, wie ihre Mutter zu kreischen anfing. Jana drehte sich entsetzt um und sah hinter ihrer Mutter ein immer größer werdendes dunkles Etwas was sich drohend näherte. Jana hat ihre Mutter noch nie so rennen sehen. Die Angstperlen rannen ihr vom Gesicht bis auf ihre Füßchen.
Sie hörte ihre Mutter schreien: „Jana, vergiss das nie, bewahre alle Ameisen, auch deiner Kindeskinder vor Menschen. Sie leben als seien sie die einzigen Geschöpfe auf der Welt. Wollen sich für Umweltschutz und Tierschutz einsetzen, haben dabei aber nur noch die größeren Tiere im Kopf. Das Kleine ist für den Menschen schon unsichtbar geworden. Lehre sie, dass ihr ärgster Feind die Natur des Menschen ist.“
Jana wusste gar nicht wie ihr geschah, sie stand nur da, konnte sich nicht bewegen, schniefte nur noch ein leises „Ja Mama, ich verspreche es hervor“, ließ sich auf den Boden fallen und staunte nur, wie der Fuß, der soeben ihre Mutter zermalmt hatte, einfach weiterlaufen konnte, als sei nix gewesen, nicht einmal umgedreht hast er sich. Während Jana so da saß, schwor sie sich, die Worte ihrer Mutter nie zu vergessen und sie nicht nur in ihrem Inneren zu behalten, sondern sie allen Ameisenvölkern zu verkünden.