Der Text erzählt den Anfang von Calvinos Roman "Wenn ein Reisender in einer Winternacht" weiter ...
Bernie Schibula
Der Roman beginnt auf einem Bahnhof, eine Lokomotive faucht, Kolbendampf zischt über den Anfang des Kapitels, Rauch verhüllt einen Teil des ersten Absatzes. In den Bahnhofsgeruch mischen sich Dunstschwaden aus dem Bahnhofscafé. Jemand schaut durch die beschlagenen Scheiben, öffnet die Glastür des Cafés, alles ist diesig, auch drinnen, wie mit kurzsichtigen oder von Kohlenstäubchen gereizten Augen gesehen. Die Buchseiten sind beschlagen wie die Fenster eines alten Zuges, der Rauch legt sich auf die Sätze. Es ist ein regnerischer Abend; der Mann betritt das Café, knöpft sich den feuchten Mantel auf, eine Wolke von Dampf umhüllt ihn, ein Pfiff ertönt über die Gleise, die vom Regen glänzen, so weit das Auge reicht. Ich erinnere mich noch genau an die alte Bahnhofskneipe im Winter, mit den diesigen Fenstern und dem Zigaretten-Alkohol-Mix-Geruch, der aus ihr strömte. Ich kann mich deshalb so genau daran erinnern, weil es der erste Auftrag für meine Agentenprüfung war. Das ganze liegt jetzt schon über 20 Jahre zurück und vieles hat sich hier verändert: die Kneipe hat mußte einem Fast-Food-Restaurant weichen, überall stehen jetzt Fahrkarten- und Getränkeautomaten herum und der kleine beschauliche Drei-Gleise-Bahnsteig wurde von einem riesigen Schienenkomplex ersetzt. Nun ja ... damals ... das war'n noch Zeiten ... aber auf meine Prüfung zurückzukommen: Ich sollte unter Bekanntgabe meines Decknamens, der "Schmeißfliege" war, Papiere übergeben. Diese Papiere sollte ein Mann mit Hut, Sonnenbrille und Trenchcoat entgegennehmen - unauffällig versteht sich. Ich fühlte mich unheimlich stark, in meinem Trenchcoat, richtete mir noch mal Hut und Sonnenbrille zurecht und betrat cool und lässig die Kneipe, die den vielversprechenden Namen "Casey's Kuchenparadies" trug, denn was ist schon schweres dabei, einen Umschlag einem Mann, der mir so gut beschrieben wurde, zu geben? Ich betrat also "Casey's Kuchenparadies" und schaute von Tisch zu Tisch. Die Kneipe war zu etwa drei vierteln besetzt und in Dämmerlicht gehalten, deshalb konnte ich die Besucher nicht gleich erkennen. Als sich meine Augen jedoch an das Licht gewöhnten, blieb ich wie angewurzelt stehen; vor mir saßen ungefähr 30 Personen, die genau so bekleidet waren wie ich: mit Trechcoat, Sonnenbrille und Hut. Mein Selbstbewußtsein begann langsam aber sicher zu schwinden, wie sollte ich auch ahnen, daß das Kuchenparadies damals ein beliebter Agententreff war?! "Tja ..., was tun?" dachte ich mir und faßte nach einiger Zeit der Überlegung den Entschluß als erstes den Wirt zu behelligen. Mit wackeligen Knien trat ich nun zur Theke, trank mir mit 3 Korn erstmal Mut an und sagte dann zum Wirt: "Schmeißfliege." Ich weiß nicht, was der verstanden hatte. Er schüttelte nur verständnislos den Kopf und meinte in seinem Dialekt: "Hamm me nett!" Was er wohl damit meinte? Ich hab's bis jetzt noch nicht 'rausgefunden. Langsam spürte ich auch den Korn in meinem Blut und schwankte zu dem ersten der 15 Tische. Die fünf Herren pokerten gerade 'ne Runde und ich konnte einige Karten sehen; der eine hatte ein König Pärchen und drei Neunen, der andere nur ein König Drilling. Als ich nun dort meinen Decknamen preisgab, erntete ich von jedem nur einen verwirrten Gesichtsausdruck. Nun ja, aber ich hatte immerhin noch 14 andere Tische, bei denen ich's versuchen konnte. Um genügend Mut für den 2. Anlauf zu haben, trank ich erst nochmal ein, zwei oder vier Korn. Mit leichtem Seegang fiel ich also auf den Tisch der Gäste von Tisch Nr. 2 zu, nahm noch einige Drinks und Stühle mit, aber kam unbeschadet an. "Sch...Schmeißfliege", spuckte ich über den Tisch zu den Gästen, doch die antworteten nur im perfekten Englisch: "Ei du not anderständ ju!" Und da ich kein Englisch kann, meinte ich nochmal: "Schmmmmeissfiflige", worauf sein Kollege die Initiative ergriff und sagte: "Sche ne compri ke tü di!" Tja, und weil ich auch kein Spanisch kann, hab ich's dann seinlassen und ging wieder zur Theke. Als Versuch drei und vier ebenfalls mit totalem Unverständnis andererseits verlief, verlor ich die Geduld und schrie nach anfänglichen Sprach- und Stehproblemen: "Sch-Sch-Sch-Schmeißfliege." Plötzlich trat eine totale Stille im Raum ein und alle Blicke waren auf mich gerichtet. Verlegen blickte ich umher und sah, wie sich ein kleines unscheinbares Persönchen ganz hinten meldete und obwohl total nüchtern "Sch Sch Scheißhaufen" stotterte. Schallendes Gelächter füllte das Lokal. Doch nach einiger Zeit beruhigte sich die Lage, und ich konnte zu dem Persönchen gehen und die Papiere total unauffällig übergeben. Damit war der 1. Auftrag erledigt. Im Hauptquartier angekommen, mußte ich noch gegen meinen Willen ein Schnäpschen mit dem Chef auf den ausgeführten Auftrag trinken, worauf ich mich dann das erste mal über den Schreibtisch und das zweite mal über den Teppich übergeben mußte. Zum Glück hatte ich danach zwei Tage frei, in denen ich mich auskurieren konnte, was ich dann auch tat. Nun stand nichts mehr Auftrag 2 im Wege. Die Zentrale freute sich auch schon darauf, mir den Neuen zu verkünden. Und zwar hieß er so: Empfang eines Mikrofilms auf einem Umzug. Ich wußte, daß der Verbindungsmann, von dem ich den Mikrofilm erhalten sollte, klein zwar und als Erkennungszeichen eine rote Pappnase trug. Ich sollte ihn in der Stadt Ecke Hauptmannstraße - Ringstraße treffen. Mein Erkennungstext hieß: "Ist ihnen auch ein Pferdeapfel auf den Fuß gefallen?" Ich zog also los, meinen Auftrag auszuführen. An besagtem Ort angekommen, sah ich auch schon meinen alten Bekannten aus "Casey's Kuchenparadies". Das mit der Pappnase war ein Fehlgriff der Zentrale, denn die dachten, es wäre ein Faschingsumzug, doch es war ja erst Mitte Januar und er stellte sich als ein Jubiläumsumzug der 700-Jahr-Feier der Stadt heraus. Die Nase meines V-Mannes erkannte ich schon von Weitem. Ich war kurz davor, ihn anzusprechen, als er auch schon verschwunden war, einfach um die Ecke und weg. Zwei unauffällig gekleidete Herren mit Schlachtermesser folgten ihm. Ich ahnte schon etwas und rannte hinterher. Da sah ich Furchtbares. Erst rissen sie ihm die Nase aus dem Gesicht, die Pappnase natürlich, dann bedrohten sie ihn mit ihren Schlachtermessern - ich kann kaum weiterschreiben, mir zittern jetzt noch die Finger, so grausam war es - er mußte eine Kirsche nach der anderen essen, und weil sie vor einem Obstladen standen, nahmen die Kirschenvorräten kein Ende. So aß der Arme, bedroht von zwei fürchterlichen Zivilverbrechern, ganze zwei Kilo Kirschen, mindestens. Ich überlegte, wie ich ihn retten bzw. wie ich an den Mikrofilm kommen konnte, aber mir fiel nichts ein, diese gewalttätige Tat machte mein Gehirn leer, wie eine alte Regentonne bei Dürre. Der Höhepunkt dieses Verbrechens war - ich hatte es schon befürchtet -, daß einer dieser Schlachtermesserträger eine Literflasche Sprudelwasser, dem armen Gefolterten reichte, dieser mußte darauf die ganze Flasche trinken. Ich denke, Sie wissen, was jetzt kommt, denn Sie kennen sicher auch das Spiel "Kirschen gegessen" und denken Sie mal, wie das ausgehen kann. In der Agentenschule hatten wir auch schon öfter dieses Spiel gespielt und sollten daraus lernen, uns vor solchen Tötungsmethoden in Acht zu nehmen. Es war so grausam, daß ich dabei die Augen schloß, das konnte ich nicht mitansehen, als ich sie dann wieder öffnete, waren die beiden Zivilverbrecher leider verschwunden, nur mein Kollege lag gekrümmt am Boden und war durch die Blähungen schon dem Tode sehr nah. Ich eilte schnell zu ihm und fragte ihn: "Ist Ihnen auch ein Pferdeapfel auf den Fuß gefallen und wo ist der Film?" Er antwortete in den letzten Zügen: "Ja, in einem A ... a ... Apfel." Das Letzte, was ich von ihn hörte, war noch ein kräftiges "Prrrt!", dann starb er, glaub ich. Den Mord hatte wegen dem Umzug noch niemand wahrgenommen, was zum Glück auch, was hätte ich mit einer neugierig gaffenden Menschenmenge anfangen sollen? Ich fing sofort mit meiner Suche nach dem Mikrofilm an und machte mich über den Berg Äpfel im Obstladen her und biß in jeden rein, denn in einem von diesen mußte der verschiedene V-Mann im letzten Moment noch den Film versteckt haben, doch ich fand ihn dort nicht. Da sah ich eine Frau mit einer Einkaufstasche und mir fiel ein, daß ja inzwischen der bedeutende Apfel verkauft sein könnte. Also biß ich mich durch jede Einkaufstasche im Umkreis von 500 Metern, die mir über den Weg lief. Komischerweise protestierten die Taschenträger, ich weiß immer noch nicht wieso, denn was sollten die mit 'nem Mikrofilm im Apfel, der ist doch viel zu hart und schwer verdaulich. Leider hatte ich kein Glück und schaute etwas deprimiert dem Umzug zu. Plötzlich entdeckte ich einen Pferdeapfelhaufen und mir ging ein Licht auf, ja natürlich "Pferdeapfel", warum kam ich nicht schon früher drauf? Ich rannte zurück zum Obstladen, wo immer noch mein verstorbener Kollege lag und entdeckte ganz in der Nähe einen großen Haufen, seine Hand deutete sogar auf ihn, daß ich das nicht gleich bemerkt hatte ...! Ich fing also an, den Haufen Langsam auseinanderzunehmen, ich war ja noch nie zimperlich. So fand ich dann auch bald zwei Filme ... zwei Filme??? Ach so, das eine war, glaub ich, ein Stein, den hatte ich gleich weggeworfen, naja, die Zentrale hatte jedenfalls nichts ausgesetzt, ich hatte bestimmt das Richtige als Mikrofilm identifiziert, obwohl ... wenn ich jetzt so darüber nachdenke, vielleicht hatte die Anspielung der Jury "Sie können wohl keinen Stein von einem Mikrofilm unterscheiden, hä?" wohl doch etwas zu bedeuten! Was soll's! Mein 3. Auftrag bestand darin, den Doppelagenten Igor Hamsterbacke mit dem perfekten Decknamen "Haumichblau" so schnell und unauffällig wie nur möglich zu eliminieren. Kurz nachdem ich meinen Auftrag erfuhr, sagte ich mir: "Schibulla, was du heute kannst besorgen, das verschieb' erst mal auf übermorgen." Gesagt, getan. Übermorgen, zwei Tage später also, machte ich mich an die Arbeit. Ich saß in meinem Wagen und wartete, wartete und wartete. Nach einer scheinbar endlosen Zeitspanne, genauer gesagt 5 1/2 Minuten und 12 Sekunden regte sich was. Es war mein Magen. Und nebenbei verließ Igor Hamsterbacke sein Haus. Sofort startete ich meinen mühevoll ausgebrüteten Plan, der eigentlich idiotensicher war. Nur die Kehle durchschneiden und fertig, doch ... Unauffällig folgte ich Haumichblau bis zu einem Zebrastreifen, andem er stehenblieb. Weit und breit war niemand zu sehen. Ich zückte also mein 24 cm langes und 6 cm breites Schlachtermesser, um ihm damit den Garaus zu machen. Gerade in dem Moment, als ich zur Tat schreiten wollte, schlug igor mit seiner geballten Faust nach einer dicken Brummsummsel, die sich etwas seitlich hinter seinem Allerwertesten befand. Damit schaltete er nicht nur der Biene das Licht aus, sondern auch mir. Als ich nach einiger Zeit wieder zu mir kam, überprüfte ich sofort, ob ich noch in der Lage war, mein altes Versprechen (lauter kleine Schibullas zeugen, die später einmal in ihres Vaters Fußstapfen treten sollten) zu halten. Natürlich war von Haumichblau keine Spur mehr zu sehen, doch von meinem alten Bekannten wußte ich, daß er mittwochs um 20.00 Uhr Tanzschule hatte. Jedoch suchte ich, bevor ich mich auf den Weg zur Tanzschule machte, zuerst mein Messer. Zu meinem Glück mußte ich nicht lange suchen. Kurz bevor ich zusammensackte, mußte ich es gerade noch zur Seite geworfen haben, denn es steckte in einem mit einer rosaroten Schleife geschmückten Spoilerpudel, der von dem Messer an einen Baum geheftet war. Nun machte ich mich auf zur Tanzschule. Mir war sofort klar, daß es die Tanzschule "Schwangermann" sein mußte, da es in unserer Stadt nur eine gab. Voller Hoffnung, meinen Plan vollenden zu können, trat ich ein, trabte die Treppen hoch und ... etwas hatte meine Hand gepackt und wirbelte mich wie ein nasses Salatblatt in einer Salatschleuder quer durch den Raum. Nachdem sich meine Gehirnzellen von dem Schock wieder erholt hatten, nahmen sie eine etwas menschenähnliche Gestalt wahr, deren Gesicht, wenn man es so bezeichnen möchte, aus Warzen, Muttermalen, Pickeln und Mitessern bestand. Einen kurzen Augenblick dachte ich schon, ich befinde mich in dem Horrorfilm "Die Zombies schlagen zu", als ich plötzlich die Person, die mich immer noch wild durch die Gegend wirbelte, erkannte. Es war Krankenschwester Clear-Asil. Nach einem langen (feuchten) Gespräch mit ihr, (sie lispelte) erfuhr ich schließlich, daß die Tanzschule heute Abend einen Tanzwettbewerb veranstaltete. Es ging darum, wer am längsten und besten Tanzen konnte. Na, das konnte ja heiter werden, dachte ich mir, denn ich hatte kurz vorher beschlossen, überall dort zu sein, wo sich Haumichblau aufhielt. Also blieb ich und ließ mich wie eine Marionette umherschleudern. Nach ganzen fünf Stunden der Selbstvernichtung (1. Stunde: krampfhafte Schmerzen in der Beinregion, 2. Stunde: teilweises Taubheitsgefühl in einem Oberschenkel, ab 3. Stunde: völliges Taubheitsgefühl ab der Gürtellinie "Wo sind meine Beine - Beine, was ist das???) kam meine Erlösung. Igor Hamsterbacke hatte einen Herzanfall und wurde in das Schlachthaus, ach nein, das Krankenhaus gebracht. Endlich aus den Fängen von Schwester Clear-Asil befreit, folgte ich dem Krankenwagen; im Krankenhaus dann der Bahre, die jedoch schon nach kurzer Zeit hinter einer Tür verschwand, auf der mit roten Leuchtbuchstaben OP stand. Wer weiß, für welche Sauerei das nun wieder die Abkürzung war. Jedenfalls mußte ich draußen bleiben. Ich kam mir vor wie ein Hund, der immer wieder dasselbe Schild vor sich sah: "Wir müssen draußen bleiben". Nun ja, ich setzte mich also auf den Gang und wartete. Und siehe da, ich mußte nicht lange warte, als ich auch schon einen alten Freund traf. Na ja, vielleicht ist Freund etwas übertrieben. Nein ich glaube sogar stark übertrieben. Tatsache war, daß ich ihm einmal ein langes Andenken an mich verpaßte. Es war auf einer Party, wir waren alle schon sehr, nein eher sturzbesoffen. Eben dieser Freund war so blau, daß er sich halbnackt auf einen Tisch legte und friedlich einschlief. An jenem Abend, wie sollte es anders sein, machte mich eine echt zuckersüße Maus an. Sie hatte es sehr eilig, da ihre Mutter nach Hause wollte, doch sie fragte mich trotzdem nach meiner Adresse. Durch die rosarote Brille glotzend, nahm ich das erst beste, was ich zur Hand bekommen konnte und schrieb ihr meine Adresse auf und zeichnete eine kleine Straßenkarte darunter, damit sie mich auch auf alle Fälle finden würde. Doch schon sehr bald nachdem sie gegangen war, bemerkte ich, was ich getan hatte. Nun, jedenfalls hatte ich an diesem Abend auf den Bauch eben dieses Freundes mein handschriftliches Autogramm gemacht. Tatsache ist, daß ich mich an dieses kleine Mißgeschick nicht sonderlich gern zurückerinnere. Er anscheinend auch nicht. Dies schloß ich daraus, daß er, als er mich sah, plötzlich alles, was ihm in den Weg kam, auf mich zu werfen anfing und schließlich eine Schrotflinte in der Hand hielt, die ihm eine Oma im Rollstuhl eben zugesteckt hatte. Schnell flüchtete ich mich in den OP, wo 10 Ärzte an Haumichblau herumschnitten, wahrscheinlich war er wieder eines ihrer vielen Versuchskaninchen. Doch es dauerte nicht sehr lange und mein alter Freund war auch im OP. Schließlich standen wir uns gegenüber, er und ich, tief schauten wir uns in die Augen, als mein Mund plötzlich ganz von selbst zu sprechen anfing: "Zieh!" Was, was sagte ich da? Ich mußte verrückt geworden sein. Er hatte eine Schrotflinte und ich ein kleines handliches Skalpell, von dem plötzlich die Klinge abfiel, als ich unsere Waffen verglich. Mein Freund hob die Schrotflinte, zielte, sprach noch ein paar letzte Worte mit mir: "Beik mai Dai" oder so und betätigte den Abzug. Doch was war das? Mit schweißüberlaufendem Gesicht starrte ich die winzige Flamme an, die aus dem Lauf der Schrotflinte leuchtete. Ich hätte es mir doch gleich denken können, daß ältere Damen einen ganz extravaganten Geschmack in der Wahl ihrer Feuerzeuge entwickelten. Meinen etwas sehr stark verdutzten Freund schafften die eingetroffenen Pfleger wieder zurück in seine Gummizelle. Die Gefahr war gebannt. Nun wartete ich, bis die Ärzte ihre Arbeit getan hatten und ich endlich meine tun konnte. Doch bis dahin war noch etwas Zeit. Ich nutzte sie, indem ich mir im Erfrischungsraum zum 128.mal den Graf von Monte Christel anschaute und mir plötzlich die Erleuchtung kam. Nachdem die Ärzte fertig waren, schlich ich in das Zimmer, wo Hamsterbacke lag. Nachdem ich alle Pumpen und sonstige Maschinen von ihm abgehängt hatte, steckte ich ihn in einen Plastiksack, denn schließlich geht man ja mit der Zeit. Dann öffnete ich das Fenster und warf den Sack, inclusive Hamsterbacke raus. Leider landete er in dem großen Müllcontainer, der hinter dem Krankenhaus stand. Nach mühevoller Arbeit, ihn da raus zu ziehen, mir vorkommend wie ein stinkender Fisch, dem man 2 Jahre offen herumliegen läßt, fuhr ich zum nächsten Strand. Dort wollte ich seine Leiche endgültig verschwinden lassen. Ich schmiß ihn also ins Meer und der Sack ging unter wie eine bleierne Ente. Ich hatte meinen Auftrag endlich mit Erfolg abgeschlossen. Doch die Leiche wurde schon nach kurzer Zeit gefunden, da er kurz vor seinem Ableben noch einmal einen Gasaustausch vollzogen hatten. Der arme Kerl erstickte also an seinem eigenen Eu te toilet. Tja, dann war ich wieder in der Zentrale und hatte den 4. Auftrag meiner Agentenprüfung zu bestehen. Eigentlich war auch dieser Auftrag ganz einfach. Ich sollte unserer Spezialagentin mit dem Decknamen "Blindschleiche" einige geheime Dokumente überreichen. Doch dann kam alles ganz anders, wie ich es mir vorgestellt hatte. Zunächst fuhr ich mit meinem neuen Agentenwagen zu der mir genannten Adresse. Allerdings gab es schon die ersten Probleme auf der Fahrt, als ich mir eine Zigarette anzünden wollten. Aus Zeitmangel hatte ich die Gebrauchsanweisung nicht mehr lesen können, was sich als verheerender Fehler herausstellte. Statt dem Zigarettenanzünder erwischte ich nämlich den Nebelwerfer, wie ich anhand des plötzlich herrschenden Chaos hinter mir von aufeinandergefahrenen Autos und wütend mir hinterherrennenden Leuten unschwer feststellen konnte. So fuhr ich nun statt mit qualmender Zigarette, mit einem qualmenden Wagen durch die Gegend. Aus lauter Verzweiflung drückte ich sämtliche Knöpfe meines Amaturenbretts, was zur Folge hatte, daß ich noch zwei Polizeistreifen mit den 20mm-Bordkanonen außer Gefecht setzte und nun mit einer Geschwindigkeit von annähernd 200 km/h durch die Gegend schoß. Glücklicherweise konnte ich mich noch mit dem Schleudersitz retten, bevor der Wagen den den Städtischen Zoo raste, worauf kurze Zeit später mehrere Menschen, verfolgt von einigen Löwen, Hals über Kopf flohen. Na ja, ich auf jeden Fall ging nun zu Fuß zu der besagten Adresse. Doch was fand ich vor? Ein 10-stöckiges Hochhaus. Nach den ersten 5 Stockwerken stand ich nun, nach Luft ringend, vor einer Tür, die mir von einer Wahnsinnsblondine geöffnet wurde. "Das mußte sie sein!", dachte ich und stammelte, noch immer sehr schwer atmend: "Blindschleiche?". Allerdings schien sie dies völlig falsch verschstanden zu haben, denn nach einigen nicht erwähnenswerten Worten knallte sie mir die Tür vor der Nase zu. Endlich dann, nach weiteren 5 Stockwerken, fand ich schließlich unsere Spezialagentin, deren Erscheinung mich aber erst mal dazu bewegte, einige "leicht" alkoholische Drinks zu mir zu nehmen. Denn sie sah wirklich wie eine Blindschleiche aus und ihre Brillengläser waren garantiert so stark, wie das Teleobjektiv meiner Kamera. Ich übergab also die Dokumente und wollte schon erleichtert wieder gehen, aber anscheinend war ich verfolgt worden, denn auf dem Flur lauerten zwei feindliche Agenten. Doch dies war alles kein Problem. Leicht angetrunken wartete ich auf dem Flur und da war doch ein Problem, das mir aber demnächst helfen sollte: das Klemmen des Abzugs am MG. Hiervon aus ihrem Versteck gelockt, kamen meine Konkurrenten auf mich zu. Ich warf daher, nachdem ich mit dem Leben schon abgerechnet hatte, die Waffe weg, die jedoch die Lage rettete, indem sie plötzlich von allein losging, sodaß meine zwei Gegenspieler stöhnend zu Boden gingen. Jetzt konnte ich endlich wirklich erleichtert den Heimweg antreten. Nachdem ich alle Stationen der Agentenprüfung mehr oder weniger turbulent hinter mich gebracht hatte, stand nun die letzte und alles entscheidende Prüfung auf dem Programm: die Schießübung, bei der der sichere Umgang mit Pistole und Maschinengewehr verlangt wurde. Und dann war es endlich soweit. 53 von anfänglich 100 Bewerbern versammelten sich am Übungsplatz - der harte Kern hatte sich herauskristallisiert. Die anderen hatten die mördermäßig harten Prüfungen wohl nicht so gut überstanden ... Aber wieder zu meiner Wenigkeit zurück. Wir standen also alle auf dem Übungsplatz, waren mehr oder weniger nervös, und warteten darauf, daß sich die hiesige Prüfungskommission einfinden würde. Neben mir hatten sich mehrere Grüppchen gebildet, die scheinbar alle dasselbe taten: Wetten darüber abzuschließen, was ich mir wohl diesmal leisten würde. Aber das ignorierte ich weitgehend. Bis es mir dann langsam zuviel wurde. Einen meiner vorlauten "Kollegen", oder besser Rivalen, verwies ich in die Schranken: "Ich zähl bis eins, denn is hiia Achterbohn, woissu däs !?!" Der aber tippte sich nur an die Stirn, drehte sich um und ließ mich mit meiner Wut allein. Dann kam die Prüfungskommission, schloß die Waffenschränke auf und gewährte uns zehn Minuten zum Üben. Ich beschloß, mich als erstes einer der Pistolen zu widmen. Ich nahm sie vorsichtig aus dem Schrank und lud sie. Dann begab ich mich zu einem der zu treffenden Ziele. So weit, so gut - gerade legte ich an, wollte abdrücken und ... nichts und. Es passierte nichts. Rein gar nichts. So sehr ich es auch probierte, der Abzug schien irgendwie zu klemmen. Das schien der Typ, der neben mir übte, zu bemerken. Dieser Typ war niemand anderes als Udo Lohmeier, ein 2-m-Schrank, der mich immer liebevoll als "Schwachkopf" bezeichnete. Mit den Worten "Zoich mä her, Schwachkopf" bot er mir freundlicherweise seine Hilfe an. Ich drehte mich zu ihm um, während ich immer noch an der Pistole herumhantierte. "Päß auf, Schwachkopf ..." PENG! Da ging sie plötzlich. Udo Lohmeier's letzte Worte waren: "Grgl...". Gott sei Dank war die Sache bei dem ganzen Lärm niemandem aufgefallen und so wurde die Angelegenheit als "Betriebsunfall" eingetragen und war somit abgetan. Wegen des Wegschaffens der Leiche kam ich leider nicht mehr dazu, mich näher mit dem Maschinengewehr befassen zu können. Wir wurden einzeln aufgerufen, um unser Können im Umgang mit der Pistole unter Beweis zu stellen. Dabei verlief eigentlich alles glatt, bis auf das, daß ich den Vorsitzenden der Prüfungskommission beinahe mit einem Blattschuß niedergestreckt hätte. Aber der sah gnädig darüber hinweg und gab mir eine zufriedenstellende Bewertung. Wie gesagt, bis dahin lief eigentlich alles recht gut. Und dann passierte mir die dumme Sache mit dem Maschinengewehr... Aber alles der Reihe nach: alle absolvierten die gestellten Aufgaben. Dann kam ich an die Reihe. Selbstbewußt griff ich mir eines der Maschinengewehre, ging ganz lässig zum Schießstand, legte ganz cool an und ... nichts! Und! - wieder das gleiche Problem ... irgendwas klemmte da ... aber was nur? Schließlich schwand meine Lässigkeit und machte Nervosität und aufsteigender Wut Platz. Das war wohl ein Fehler. Denn ich drückte mit aller Macht und Wut den Abzug nach hinten und ... plötzlich funktionierte das Teil. Erst atmete ich auf, aber nachdem ich sämtliche Zielobjekte in handliche Einzelteile zerschossen hatte, wollte ich die Vorstellung damit eigentlich beenden. Das aber war leichter gesagt als getan. Und als mich meine Kräfte so langsam aber sicher verließen, machte sich das Gewehr selbständig. Es vibrierte wie ein Preßlufthammer, worauf ich 2-3 mal zitternd um meine eigene Achse routierte. Das aber reichte aus, um meine 51 Rivalen aus dem Verkehr zu ziehen... Die Prüfungskommission, die schleunigst das Weite gesucht hatte, stellte mir meine Zulassung als Agent aus. Und unter der Bedingung, ihnen nie wieder unter die Augen zu treten, versprachen sie, das Ganze als "Betriebsunfall" abzutun. So kam ich also zu meinem Beruf...
Eine Co-produktion von: Günhild Bleß, Ilka Bintakies, Tobias Galmarini, Thomas Müller, Andrea Streich (Marianum in Fulda) 05/02/92