Der Riese Tailog

von
Alexandra Kircher

Es war einmal vor gar nicht allzu langer Zeit, genauer gesagt vor kurzem, als der Riese Tailog durch das Weltall spazierte und die neun Planeten entdeckte. Vor lauter Faszination griff er sich die Erde und nahm sie mit zu sich nach Hause.
Dort legte er diese schöne bunte Kugel in einen Glaskasten, damit er sie auch immer bewundern konnte. Doch wie durch Zauberei glitt sie nach oben und schwebte. Schnell machte der Riese einen Deckel auf den Glaskasten, damit sie ihm nicht noch fortschwebte. Dann holte er sich eilig eine Lupe und versuchte zu erkennen, was so alles auf der Erde passierte. Er sah lauter kleine Wesen, die kaum etwas an hatten und eine Art Strandparty veranstalteten. Sie waren fast schwarz überall. Von den Rhythmen und der Fröhlichkeit der Tanzenden ließ er sich anstecken. Er konnte sich gar nicht mehr von dem Anblick losreißen, soviel Freude strahlten die Wesen aus.
Als er die Lupe weiter nach oben richtete, sah er Unmengen von Menschen an einem relativ kleinen Ort. Sie hetzten aneinander vorbei ohne zu grüßen und hatten alle denselben starren Blick. Die meisten hatten einen Koffer oder eine Tasche in der Hand. Aber er sah keine kleineren Wesen wie in der anderen Gegend; das verwunderte ihn sehr. Weshalb wohl auch keiner von ihnen lachte.
So schwenkte er die Lupe weiter, denn solch in Anblick langweilte ihn. Dann kam er ihn ein Land, wo alle Wesen klein waren. Manche trugen riesige Hüte oder Stäbe im Haar. Sie hatten schicke Kleider und komische Schuhe an, außerdem lächelten sie die ganze Zeit. Ihre Hände hatten sie vor der Brust gefaltet, sie wirkten so gläubig und freundlich. Ihre Lebensweise fand Tailog sehr interessant: sie setzten sich beim Essen nicht auf Stühle wie die anderen, ihre Häuser besaßen lustige Dächer und sie feierten verrückte Feste, die ihn sehr amüsierten.
So ging es Tag für Tag weiter; Tailog saß die ganze Zeit am Glaskasten und beobachtete die Welt. Nun erblickte er ein Land, in dem es sehr oft schneite. Die dort lebenden Wesen trugen dicke Kleider, um sich vor der klirrenden Kälte zu schützen. Zwar waren die Häuser und Straßen prunkvoll geschmückt und ausgestattet, doch ging es den Menschen nicht sehr gut - sie konnten sich kaum irgendwas Besonderes leisten. Daher hatten die meisten ihre Lebensfreude verloren. Das machte den Riesen ganz traurig, denn er wusste auch nicht zu helfen.
Also richtete er die Lupe weiter nach Westen. Aber da sah es mit der Freude auch nicht besser aus. Hier gifteten sich die Menschen sogar an und es entstanden heftige Diskussionen. Man war neidisch auf andere und Hass spiegelte sich teilweise in ihren Gesichtern wider. Auch das erfreute Tailog nicht, er ärgerte sich eher sehr. Vor allem schimpfte er, dass es, obwohl es viele verschiedene Wesen waren, z.B. waren sie dunkelhäutig oder weiß, mit kurzgeschorenen oder lockigen Haaren, keinen Frieden gab.
Bald hatte er genug von dieser Stimmung und er wandte sich gen Süden. Dort waren alle Wesen wieder schwarz. Zwar waren ihre Lebensbedingungen nicht sonderlich gut, aber die Hoffnung auf Besserung hatten sie nicht aufgegeben. Diesen zuzuschauen, machte dem Riesen wiederrum Spaß - endlich konnte er mitlachen oder mitweinen. Hier offenbarten die Menschen ihre Gefühle. Am liebsten hätte Tailog mit ihnen getanzt.
Da dies aber logischerweise nicht möglich war, schaute er weiter durch die Lupe und wandte sich wieder dem Westen zu. In diesem Land sah er wenige Menschen, viel mehr rote Wüsten und eine wahnsinnige Natur. Es gab hier viel seltsame Tiere und wundersame Landschaften. Ab und zu erblickte er jedoch vereinzelte Menschen, die, ebenso wie in dem vorigen Land, wenig bekleidet waren, dafür aber bunt bemalt gewesen sind. Mit großer Freude zelebrierten sie Rituale, tanzten und machten wunderschöne Musik; sie klang ganz anders als in den übrigen Ländern. Davon war Tailog endlos fasziniert, er konnte sich kaum abwenden. Es bereitete ihm so viel Spaß, jeden Tag aufs Neue immer andere Menschen, Länder und Sitten mitzuerleben.
Er vergaß alles um sich herum. Jeden Morgen stand Tailog schon früh auf, um die ganze Welt genau zu inspizieren. Ständig neue Fleckchen Erde entdeckte er, selbst winzig kleine Inseln im Meer konnte er finden. Für ihn war es nahezu unvorstellbar, wie so vieles auf diese kleine Erde passen sollte. Und warum die Wesen in ihrem Charakter so unterschiedlich waren. Das Äußere beschäftigte ihn weniger. Vieles verstand er nicht so ganz oder konnte es nicht nachvollziehen, aber das Beobachten allein genügte ihm schon; es wurde seine größte Leidenschaft. So amüsierte er sich entweder über komische Lebensweisen oder über manches Verhalten. Doch die Dinge, die ihm zu grausam waren, schaute er sich nur kurz an; er liebte und genoß es lieber, die freundlichen, natürlichen Menschen und Länder zu betrachten. Tailog fand diese Welt einfach herrlich ...