... noch ein Versuch mit Calvinos Roman
 

Wartezeit

von Holger Kemmerzell

 

1

Kurz nachdem ich den Zug verlassen hatte, fuhr dieser fauchend und mit viel Dampf wieder ab und ich stand mitten am Bahnhof von St. Louis. Es war jetzt 19.45 Uhr, und mein Anschlußzug in Richtung Ostküste ging erst um 21.38 Uhr. Draußen regnete es in Strömen, weshalb ich von meinem Entschluß, zunächst ein bißchen in der Stadt herumzulaufen, gleich abrückte. Ich entschloß mich, ins Cafe am Bahnhof zu gehen und zündete mir eine Zigarette an. Im Winter ist das Wetter ja in St.Barbara, meiner Wahlheimat, schon schlecht, hier ist es noch schlechter und wie schlecht wird es erst in Boyertown, dem Ziel meiner Reise und meiner eigentlichen Heimat sein, dachte ich mir. Boyertown ist eine kleine Stadt in Pennsylvania, nordwestlich von Philadelphia gelegen, und ich war unterwegs, um meine schwerkranke Mutter zu besuchen. Ich öffnete die Glastür des Cafés und trat ein. Es war ziemlich voll, und durch die nassen Klamotten all der Leute war es hier so dunstig, daß ich kaum die Bar fand. Ich bestellte mir einen Whisky und zündete mir die nächste Zigarette an. Als 20 Minuten vergangen waren, ich mir inzwischen einen weiteren Whisky, diesmal einen doppelten, bestellt hatte und über die Notwendigkeit etwas zu essen nachdachte, mich aber letztendlich dagegen entschied, hörte ich und auch die anderen Gäste einen lauten, dumpfen Knall. Mein besonderer Instinkt, den ich als Bulle nun mal habe, verriet mir, daß es sich um einen Schuß gehandelt hatte. Einige Leute, auch der Wirt, sprangen auf und liefen in Richtung des Knalles. Ich schloß mich ihnen mehr aus Langeweile als aus polizeilichem Interesse an und folgte der Menge, die durch die Bahnhofshalle in Richtung Toiletten geeilt war. Als ich vor der Herrentoilette stand, kam ein Großteil der eben hineingeeilten Leute mit schockierter Mine und "Um Gottes Willen, wie schrecklich" oder was ähnliches faselnd wieder heraus. Jetzt war ich wirklich neugierig, was den passiert war und trat durch die Tür in den Waschraum. Dort fand ich vor, was die Leute so schockiert hatte. Ich schaute mir das Szenario genau an und zündete mir eine Zigarette an. Auf dem Boden vor dem Waschbecken lag ein Mann im grauen Mantel. Es war wohl eine 12mm Kanone gewesen, dachte ich mir, mit der man ihm das obere Drittel seines Kopfes weggeblasen hatte. Was sich einst noch an und in seinem Kopf befunden hatte, klebte nun am Spiegel über dem Waschbecken und tropfte langsam von der unteren Spiegelkante in den Ausguß. Nach der Lage des Rumpfes zu urteilen hatte er mit dem Gesicht zum Spiegel gestanden. Er hatte also keine Chance gehabt, sich zu verteidigen, wenn er denn eine Waffe hatte. Er war noch relativ jung, vielleicht so an die 30. Meine Polizeikenntnisse sagten mir, daß der Schütze ca. 1m hinter dem Mann gestanden haben muß, da bei einem Schuß aus größerer Entfernung, auch mit einer 12mm Kanone, die Kugel keine so große Sauerei hätte anrichten können. Im Spiegel war das Einschußloch der Kugel zu sehen, und dessen Größe bestätigte beim genaueren Hinschauen meine Vermutung einer 12mm Kanone als Tatwaffe. Ich trank einen kräftigen Schluck Whisky und schaute nach den Leuten, die sonst noch im Waschraum standen. Ich hatte eigentlich überhaupt nichts mit diesem Fall zu tun, trotzdem konnte ich es nicht lassen, die Leute zu mustern, um womöglich auf den ersten Blick den Mörder zu entlarven. Das gelang mir allerdings nicht, doch 3 Personen fielen mir besonders auf: Ein junger Schwarzer, nach den Klamotten zu urteilen ein Penner, der einen langen beigen Mantel und eine rote Wollmütze trug sowie eine Art Seesack, wie ihn Marinesoldaten haben, doch wesentlich schmutziger und kaputter. Des weiteren fiel mir ebenfalls ein Penner mit altem schwarzem Filzmantel und voller Tragetasche auf. Er war extrem schmal, sein Gesicht war grau und eingefallen, er hatte tiefe Augenringe und schaute fast ausdruckslos. Er stand im Eingang zu den Toilettenkabinen. Dann war da noch ein Mann, bei dem man auf den ersten Blick sah, daß er ein Italiener war. Er trug einen teuer aussehenden schwarzen Mantel, hatte fettige, feucht zurückgekämmte schwarze Haare und starrte kalt auf die verstümmelte Leiche, als wenn er Spaß daran hätte. Na ja, dachte ich mir, du hast hiermit überhaupt nichts zu tun, als auch schon die Polizei eintraf. Mehrere Polizisten in Zivil traten ein, und einer trat sogleich auf mich zu und brüllte: "Was haben Sie hier zu suchen! Das ist der Tatort, hier müssen Spuren gesichert werden!" "Du mich auch", hätte ich fast gesagt, ließ aber davon ab, da ich hier ja nicht im Dienst war. Der mich angebrüllt hatte, mußte wohl der Chef sein. Er war unsympathisch und fett. Aus dem eng zugeknöpften weißen Hemd mit dem schief sitzenden dunkelgrauen Schlips quollen seine dicken Backen heraus, die rot und leicht geschwollen von der täglichen Naßrasur waren. Unter dem Cowboyhut, den er gerade abnahm, befand sich eine Halbglatze. Die restlichen Haare waren kurz geschoren. Ich zeigte ihm meine Polizeimarke, die ich im Gegensatz zu meiner Waffe dabei hatte und sagte: "Ich bin Steve Donato, eigentlich Detectiv der Kriminalpolizei in Santa Barbara und heute auf der Durchreise. Ich war einer der ersten am Tatort und dachte, Ihnen durch meine Informationen die Ermittlungen vielleicht etwas zu erleichtern. Und wie heißen Sie, hochverehrter Kollege?" "Captain Miller, wenn Sie's genau wissen wollen, und jetzt machen Sie, daß Sie so schnell wie möglich hier verschwinden! Ihr Italiener seid wie die Geier, überall wo es Ärger gibt und ihr ihn ausnahmsweise nicht gemacht habt, müßt ihr unsereins die Arbeit erschweren. Jetzt gehen Sie!" "Du verdammter Idiot", dachte ich mir und sagte: "Es freut mich sehr, hochverehrter Kollege, daß Sie so sehr Herr der Lage sind, daß Sie meine bescheidenen Dienste nicht in Anspruch nehmen müssen. Aber sollten Sie vielleicht doch noch eine Frage haben, ich stehe Ihnen bis 21.38 Uhr zur Verfügung, dann geht nämlich mein Zug, bis dahin finden Sie mich im Bahnhofscafe." Er erwiderte nichts, wie ich es auch erwartet hatte und ich verließ die Toilette. Mein Zug ging in genau einer Stunde.

2

Als ich von der Toilette auf direktem Weg ins Café war, um dort die verbliebene Stunde irgendwie rumzubekommen, kam mir auf einmal der junge schwarze Penner, denn ich vorhin am Tatort gesehen hatte, mit aufgeregter Mine entgegen: "Ich muß mit dir reden", sagte er, "ich habe mitbekommen, daß du auch ein Bulle bist, aber du bist in Ordnung, ganz im Gegensatz zu den Bullen hier." Eigentlich wollte ich mit der ganzen Sache ja nichts zu tun haben, aber da ich die verbliebene Stunde nichts besseres vorhatte, antwortete ich: "Komm mit ins Cafe, dort können wir reden." "Ich habe aber nicht genug Geld, außerdem schmeißen die mich sowieso gleich wieder raus." "Ich lade dich zu'nem Drink ein, dann können sie dich nicht rauswerfen." Also gingen wir ins Cafe und setzten uns an einen etwas abgelegenen Ecktisch. Zunächst bestellte ich für uns zwei Whiskys und zündete mir eine Zigarette an. Ihm bot ich auch eine an, und er nahm sie dankend. Ehe wir ins Gespräch kamen, stellte ich mich erst einmal vor und er tat dies ebenfalls. Er hieß Sam, war obdachlos und verdiente sich sein Überlebensgeld als Schuhputzer hier am Bahnhof. Der Bahnhof war also seine Heimat, er verbrachte hier Tage und Nächte. Verwandte hatte er keine, Ausbildung auch nicht. Als wir damit fertig waren, fing er an zu erzählen: "Du kannst es nicht wissen, Captain Miller hat's dir bestimmt nicht gesagt, aber der Tote ist auch ein Bulle gewesen." Langsam fing mich die Sache etwas mehr an zu interessieren: "Erzähl weiter!" "Er hieß Harry Jones und arbeitete für die Kriminalpolizei, ich glaub, er hatte irgendwas mit Drogen zu tun." "Woher weißt du das?" "Er hat es mir erzählt, er war oft hier am Bahnhof und hat sich mit mir und anderen unterhalten, hat uns mal was ausgegeben und wir haben ihm mal einige kleine Informationen zukommen lassen. Er hat uns auch immer erzählt, wann er hier Dienst hat, daß er heute Abend hier war, wußte ich gar nicht. Er war wirklich in Ordnung, ein guter Freund. Er hat Miller auch nicht gemocht, genau wie du." Ich mußte lachen: "Woher weißt du, daß ich ihn nicht leiden kann?" "Das hat man gleich gemerkt, wie du mit ihm geredet hast, der wußte doch, daß du dich über ihn lustig gemacht hast und haßt dich wie die Pest. Mich haßt er auch und auch die ganzen anderen Leute hier. Der hat was gegen Schwarze und andere. Er war übrigens der Vorgesetzte von Harry, den hat er auch gehaßt, er ist bestimmt nicht traurig, daß der tot ist. Nimm dich nur vor ihm in acht." "Er soll mich ruhig hassen, in 50 Minuten bin ich weg und werde auf der Rückfahrt bestimmt eine andere Route nehmen." Den Grund meiner Reise hatte ich ihm schon genannt. Er blickte mich etwas verstört an: "Ich wollte dich eigentlich bitten, den Mörder zu finden, da die Bullen hier ihn sowieso nicht finden. Aber deine Mutter ist sicherlich wichtiger. Erzähl mir nur, was du vorhin schon rausgefunden hast, dann kannst du fahren." Ich glaube, er hatte eine etwas falsche Vorstellung von einem Polizisten: "Ich habe eigentlich gar nichts rausgefunden, außer daß ...äh, wie hieß er noch, ...Harry von hinten in den Kopf geschossen wurde. Dann hab ich mir noch die Leute am Tatort angesehen, aber es ist reine Spekulation, daß mir drei besonders aufgefallen sind." "Wer sind die drei, beschreib sie, vielleicht kann ich dir etwas über sie erzählen." Ich merkte, daß es ihm richtig Spaß machte, so etwas war wohl eine willkommene Abwechslung in seinem eher tristen Leben als obdachloser Schuhputzer, obwohl ich das Leben als Bulle eigentlich auch ganz schön trist finde. Also beschrieb ich sie ihm und fing mit dem anderen Penner an. Er sagte: "Jack ist auch obdachlos wie ich und lebt hier am Bahnhof. Ich habe nicht so viel mit ihm zu tun, wir sind nicht die besten Freunde, kommen aber gut miteinander aus. Ich weiß genau, daß er etwas mit Drogen zu tun hat, ich meine er verkauft welche und nimmt auch selbst welche, er spritzt sie sich, glaube ich. Er ist aber nur ein ganz kleiner Dealer. Das verleugnet er mir zwar, aber ich weiß es. Ich habe übrigens nichts mit Drogen zu tun, auch wenn du es gaubst." "Nein, nein, das glaub ich dir, erzähl weiter!" "Auf jeden Fall konnte er Harry nicht besonders leiden, obwohl er ihn nicht festgenommen hat, denn er wußte ganz genau über ihn Bescheid. Harry hat übrigens in letzter Zeit an etwas ganz Großem ermittelt, er hat nicht so viel erzählt, aber es schien, als wäre einer ganz großen Drogenmafia oder so auf der Spur gewesen." "Wußte er oder vielleicht du, für wenn Jack Drogen verkauft hat, ich meine, wenn er ein kleiner Händler ist, muß er ja für irgend jemand arbeiten. Und wenn er Harry nicht mochte, war er vielleicht diesem auf der Spur, ich meine Harry?" "Damit könntest du Recht haben... du meinst doch nicht, daß Jack Harry abgeknallt hat!" "Man muß alles in Betracht ziehen, und wie du es mir erzählt hast, hätte er durchaus ein Motiv gehabt." "Aber Harry wußte, daß Jack mit Drogen handelt." "Dann wollte er vielleicht über ihn an die Leute rankommen, für die Jack arbeitet. Aber zurück zu den Verdächtigen: Dann ist mir noch einer aufgefallen, der sieht so ähnlich aus wie ich, wohl auch ein Italiener, hatte aber teurere Klamotten an." Bei dieser Beschreibung wirkte Sam leicht schockiert: "Der ist in letzter Zeit ständig hier am Bahnhof, ich weiß nur von anderen über ihn, daß er Fredo heißt und daß man sich nicht mit ihm anlegen sollte." "Arbeitet er für die Mafia oder so?" "Keine Ahnung." "Arbeitet Jack vielleicht für ihn und Harry war ihm auf der Spur und er hat ihn deshalb über die Klinge springen lassen?" "Damit könntest du Recht haben, ja, so wird es sein." "Aber er wird wohl nicht so dämlich sein und gleich wieder am Tatort auftauchen... andererseits, bei euer Polizei vielleicht doch, da die eh blind ist." Sam hatte wohl Angst über ihn zu sprechen, da er schnell das Thema wechselte: "Du hast doch noch von einem dritten Verdächtigen geredet, oder irre ich mich?" "Nein, daß warst du", antwortete ich mit aufgesetzt strenger Mine, "aber ich glaube, daß du unschuldig bist." "Sonst hätte ich dir das alles gar nicht erzählt." "Das ist falsch, vielleicht willst du nur von dir ablenken, aber so schlau... äh... dazu bist du ein viel zu netter Kerl." Ich änderte schnell meine instinktiv geplante Aussage und er strahlte, da er sowas bestimmt lange nicht gesagt bekommen hatte. Ich allerdings auch nicht, meine Kollegen in Santa Barbara sagten ganz andere Sachen zu mir und ich auch zu ihnen... Jetzt fiel mir aber plötzlich etwas an Sam auf: "Sag mal, vorhin hattest du doch so'nen Sack dabei." Er erschrak und sprang gleich auf: "Verdammte Scheiße, den muß ich irgendwo vergessen haben... Ich gehe ihn schnell suchen und komme nachher auf's Bahngleis, wo dein Zug geht." Er verließ das Cafe. Ich zündete mir eine Zigarette an und dachte über unser Gespräch nach. Einige Minuten vor halbzehn zahlte ich, nahm meine Sachen und ging. Auf einmal hörte ich laute Stimmen aus einer Ecke der Bahnhofshalle. Eine davon erkannte ich sofort. Es war die von Captain Miller. Bei genauerem Hinhören verstand ich: "So ein verdammter Bahnhofspenner wie du, dazu noch ein Nigger, der nichts arbeitet und nur uns ehrlichen Bürgern schadet! Du kannst ja nur der sein, der einen armen Polizisten ermordet. Ich habe es ja gleich gewußt, ich kenne dich doch, aber das ist der Beweis!" Ich eilte sofort zu dem Tumult und sah Captain Miller mit einigen gorillaähnlichen Streifenpolizisten, die Sam links und rechts festhielten. Miller stand vor ihm und hielt ihm triumphierend seinen Seesack entgegen. Ich stellte mich ärgerlich vor ihn und sagte: "Hochverehrter Kollege, dieser junge Mann ist unschuldig, ich weiß es. Sie müssen den Mörder ganz woanders suchen, er ist ein viel größerer Fisch als Sie denken!" "Ach, halten Sie doch Ihr Maul. Wir haben seinen Lumpensack oder was weiß ich für ein Ding gefunden und darin befand sich neben seinen wenigen Papieren eine 44er Magnum, die Tatwaffe. Und außerdem: so weit kommt es noch, daß ich mir von Ihnen vorschreiben lasse, was zu tun ist!" Noch ehe Miller fertiggebrüllt hatte, kam wie aus heiterem Himmel Jack angestürzt: "Warum tust du das? Du weißt doch ganz genau, daß er nichts mit der ganzen Sache zu tun hat!" Miller wurde noch röter als sonst und brüllte in gewohntem Ton: "Du verdammter kleiner Penner! Mach, daß du wegkommst, sonst kommst du in den Knast. Und du", jetzt wandt er sich mir zu, "verdammter Spaghettifresser, mach, daß du in deinen Zug kommst und für immer von hier verschwindest, sonst lasse ich dich wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses einsperren! Und euer Freund, der Nigger, wird bald hingerichtet, und wenn ich selbst Scharfrichter bin. Führt den Nigger ab!!!" Damit wandten sie sich zum Ausgang und verließen die Bahnhofshalle. Mein Zug ging in 71/2 Minuten.

3

Als die Bullen unter der Leitung ihres schwachsinnigen Captains endlich ihren Schuldigen gefunden hatten und gegangen waren, ging ich wutentbrannt zu dem wie traumatisiert wirkendem Jack und packte ihn am Kragen. Der Anblick seines Gesichtes war schrecklich. Er wirkte wie unter starkem Fieber und seine Augenhöhlen sahen aus wie die seiner eigenen Leiche. Ich schüttelte ihn: "Jetzt sag endlich die Wahrheit! Oder willst du, daß ein Unschuldiger an den Galgen kommt?" Er starrte mich emotionslos an und zischte, "Wer bist du überhaupt!", und ehe ich reagieren konnte, rammte er mir sein Knie mit voller Wucht in die Weichteile. Ich ließ sogleich von ihm ab und krümmte mich vor Schmerzen am Boden. Als ich nach einiger Zeit wieder aufstand, war er verschwunden. Ich schrie die Schar der Leute an, die sich um mich versammelt hatte: "Verschwindet, oder ich bring euch alle um!" Das tat seine Wirkung, und sie verschwanden sofort. Ich packte meine Tasche und hörte die Durchsage, daß mein Zug in wenigen Minuten abgehen würde. Von Jack war keine Spur. 20 Minuten später saß ich da mit Whisky und Zigarette, aber nicht im Zug wie eigentlich geplant, sondern im Bahnhofscafé am Bahnhof von St. Louis. Nach den Ereignissen von vorhin konnte ich nicht einfach wegfahren. Ich entschied mich, den Zug 12 Stunden später zu nehmen. Das müßte immer noch reichen. In der Zwischenzeit wollte ich mit aller Gewalt den Fall aufklären und den richtigen Mörder finden. Eine äußerst schwierige Aufgabe, denn ich hatte keine Waffe dabei und war mittlerweile leicht angetrunken. Zu meinem Glück hatte das Cafe durchgehend geöffnet, sonst läg ich irgendwo draußen im Regen der bei den Pennern in der Bahnhofshalle. Immerhin war ich noch so nüchtern, daß ich mir die ganze Angelegenheit genaustens durch den Kopf gehen lassen konnte. Die Mörder konnten nur Jack sein oder dieser Fredo, über den ich bis dahin nicht viel wußte. Jack hatte sich ja vorhin für mich fast verraten, als er sagte, daß Sam mit der Sache nichts zu tun habe. Captain Miller konnte jetzt zufrieden sein: Er hatte seinen Sündenbock gefunden und konnte sich auf die Exekution freuen, auch wenn die Beweise nicht stichhaltig genug waren. Das der wirkliche Mörder den Seesack geklaut und die Tatwaffe reingesteckt hatte, um von sich abzulenken, das ging in sein amerikanisches Spießbürgergehirn nicht rein. Ich mußte unbedingt Jack und Fredo finden und sie verhören. Aber wie, verdammte Scheiße, ohne Waffe? Und wenn ich Miller vielleicht wirklich noch den richtigen Mörder präsentieren sollte, was äußerst unwahrscheinlich war, er würde mir nicht glauben. Während meinen gedanklichen Ermittlungen rauchte ich Kette und bestellte mir zwischenzeitlich zwei weitere doppelte Whiskys. Nach dem letzten Schluck war ich so müde, daß ich am Tisch einschlief. Als ich wieder aufwachte, war es bereits 4.30 Uhr. Ich war der einzige Gast neben einem Mann und zwei Frauen, die aussahen wie ein Zuhälter mit zwei seiner Nutten. Auf jeden Fall hatten die nichts mit meinem Fall zu tun. Ja, mittlerweile betrachtete ich es als meinen Fall, der mich mehr beschäftigte als all die Fälle, die ich beruflich schon bearbeitet hatte. Ich zündete mir eine Zigarette an, ging an die Bar und bestellte mir einen großen schwarzen Kaffee. Als ich ihn zur Hälfte getrunken und mir gerade die nächste Zigarette angezündet hatte, ging draußen, direkt vor der Glaswand des Cafés, dieser Fredo vorbei Richtung Ausgang. Ich sprang sofort auf (den Mantel hatte ich die ganze Nacht an), sagte dem Wirt, daß ich gleich wiederkäme und stürmte hinaus. Aber Fredo war inzwischen verschwunden, und in die Stadt wollte ich ihm nicht folgen, da ich ihn eh nicht finden würde. Also schaute ich mich etwas am Bahnhof um, vielleich war ja Jack irgendwo. In der Bahnhofshalle waren zwar mehrere Penne, aber Jack war nicht dabei. Ich fragte nach ihm, und einer erzählte, daß er sonst immer hier wäre, aber vorhin abgehauen ist, da er vor irgendwelchen Leuten wohl ziemlich Angst hätte. Wenn er hier wäre, dann wohl in der Gepäckaufbewahrung, da man ihn dort nicht so leicht finden könnte. Also ging ich zur Gepäckaufbewahrung auf der anderen Seite der Bahnhofshalle. Hier traf ich keinen Menschen mehr an. Ich betrat die Gänge der riesigen Gepäckaufbewahrung, es war relativ dunkel und es herschte Totenstille. Und tatsächlich, nach einiger Zeit fand ich eine Gestalt, an die Wand gelehnt und den Kopf hängend, die wie Jack aussah. Ich schlich leise hin. Meine Augen hatten sich inzwischen an das halbdunkle gewöhnt. Ich sah also alles, als ich ihn am Schopf packte und den Kopf hochriß. Sein Antlitz sah noch schlimmer aus als vorhin. Kein Wunder, denn er war zwar noch einigermaßen warm, aber tot. Jemand hatte ihm, wohl während er schlief, die Kehle durchgeschnitten. Es muß ein äußerst scharfes Messer gewesen sein, den der Schnitt war gleichermaßen tief wie sauber und glatt. Es konnte noch nicht lange her sein, denn er war nicht nur noch warm, sondern auch das Blut, das aus seiner durchgeschnittenen Gurgel auf Klamotten und steinernen Fußboden gespritzt war, fing gerade erst an zu verkrusten. Jetzt wußte ich: Fredo mußte der Mörder sein, denn er kam vorhin genau aus der Richtung der Gepäckaufbewahrung. Ich entschloß mich, nicht die Polizei zu verständigen, da dabei eh nichts rauskommen würde und durchsuchte die Leiche, so wie ich es beruflich schon zig mal gemacht hatte, diesmal aber inoffiziell. Also achtete ich darauf, keine Fingerabdrücke zu hinterlassen und tat alles, was ich fand, wieder an seinen Fundort zurück. Er hatte alles mögliche bei sich, unter anderem ein Fixerbesteck, was mich nicht wunderte, doch einige Dinge verblüfften mich sehr: In seiner Innentasche im Mantel fand ich ein Bündel 100 Dollar-Scheine, insgesamt 10, frisch gebündelt und nagelneu. In den Außentaschen steckten einige Patronen vom Kaliber 12 und ein hellbrauner Lederhandschuh für die rechte Hand mit deutlich erkennbaren Schmauchspuren. Nur seine Tragetasche, die er vorhin noch bei sich hatte, war weg. Jack hatte also Harry ermordet, aber nicht in Eigenregie, sondern er wurde dafür bezahlt. Wahrscheinlich von demselben Mann, von dem er eben umgebracht wurde: von Fredo.

4

Ich verließ den Tatort genau so, wie ich ihn vorgefunden hatte und blieb bei dem Entschluß, keinesfalls die Polizei zu verständigen. Ich ging wieder ins Café, wo inzwischen einige Gäste mehr waren, da es langsam Morgen wurde. Ich setzte mich an einen Platz am Fenster, zündete mir eine Zigarette an, bestellte mir einen weiteren Café und ein Sandwich und wartete darauf, das Fredo vor 9.38 hier vorbeikam. Die meiste Hoffnung hatte ich nicht, den er hatte seine Arbeit getan, warum sollte er da noch einmal zurückkommen. Andererseits brauchte er keine Angst haben, er wußte ja nicht, daß ich ihn verdächtigte. Nachdem ich das Sandwich verdrückt hatte, bestellte ich mir einen weiteren Cafe, rauchte eine Zigarette nach der anderen und wartete und wartete. Meine Mühe wurde tatsächlich belohnt: Um 6.30 lief er ganz gemächlich am Café vorbei. Ich sprang sofort auf und folgte ihm. Er ging in Richtung Gepäckaufbewahrung. Er hatte bestimmt sein Geld vorhin vergessen, dachte ich mir. Vielleicht weil er gehört hatte, daß ich im Anmarsch war. Allerdings betrat er die wirklich große Gepäckaufbewahrung an einer ganz anderen Stelle als dort, wo die Leiche lag. Ich nahm einen anderen Eingang und lauerte ihm auf dem Weg, der zur Leiche führte, auf. Es dauerte ewig, bis er endlich kam. Ich hockte in einer Nische und sprang ihn an, als er an mir vorbeilief. Er fiel seitwärts gegen die Wand und sackte dann zu Boden. Ich stürzte mich auf ihn und rammte ihm mit voller Wucht meine rechte Faust ins Gesicht. Ich hörte ein knackendes Geräusch, es muß sein Nasenbein gewesen sein, denn als ich die Faust zurückzog, schoß ihm augenblicklich das Blut aus der Nase. Meine Genugtuung darüber war so groß, daß ich einen Moment lang nicht aufpaßte, er in die Manteltasche griff und mir eine Pistole an den Hals drückte. Ich hielt instinktiv die Hände hoch und rückte etwas von ihm ab. Er sprach leise und mit schmerzverzerrter Mine: "Wenn du nicht mein Landsmann wärst, würde ich dich sofort abknallen. Verschwinde sofort, ehe ich meinen Entschluß ändere!" Ich stand auf und trat einen Schritt zurück. Er setzte sich gegen die Wand und richtete die Waffe auf mich: "Verschwinde sofort!" sprach er und ich erwiderte: "Warum hast du Jack, dieses arme Schwein, umgebracht?" Er erschrak bei diesem Satz. Ich nutzte seine Unaufmerksamkeit und trat mit voller Kraft gegen seine rechte Hand, in der er die Pistole hielt. Diesmal gab die Hand ein knackendes Geräusch von sich, aber wesentlich lauter als zuvor die Nase. Er schrie auf vor Schmerzen und ich schnappte mir die Pistole. Ich spannte den Hahn, kniete mich hin und hielt sie ihm an den Kopf: "Erzähl sofort alles was du weißt", sagte ich zu ihm und trat ihm mit der Fußsohle auf seine zerschmetterte Hand. Er brüllte vor Schmerzen: "Hör auf, ich sag alles, was du willst." Ich ließ meinen Fuß etwas lockerer und angelte mir mit der linken Hand eine Zigarette aus der Packung. "Warum hast du ihn umgebracht?!" "Ich habe ihn nicht umgebracht, ich habe nicht einmal gewußt, das er tot ist. Und dem Bullen auf dem Klo habe ich auch nicht die Birne weggepustet, daß war Jack, ich schwöre es", sagte er mit schmerz- und angstverzerrter Miene. "Warum lungerst du dann die ganze Zeit am Bahnhof herum?" "Ich habe Jack beobachtet, aber ich habe ihn nicht umgebracht! Ich bin doch nur ein ganz kleiner Ganove!" Warum hast du ihn beobachtet und für wen arbeitest du?" Ich nahm die Waffe von seiner Stirn und den Fuß von seiner Hand, damit er besser reden konnte. "Ich arbeite für einen der ganz großen Mafiabosse in der Stadt und mein Auftrag ist es, Jack zu beobachten, da wir von ihm wissen, daß er ein kleinen Dealer dieser neuen großen Drogenorganisation ist. Mein Pate hat Angst vor denen. Er selber handelt nicht mit Drogen, da er nicht will, daß Kinder so etwas nehmen. Wir leben nur von Schutzgeldern, Prostitution und Glücksspiel, aber nicht von Drogen. Aber die sind vollkommen skrupellos. Dieser Bulle, dem Jack das Gehirn weggeblasen hat, der war denen auch auf der Spur und deshalb haben sie Jack..., nein, den Bullen umgelegt und jetzt auch Jack. Jetzt bin ich dran! Hilf mir doch!" Jetzt fing er auch noch an rumzuheulen. Ich fragte weiter: "Haben die auch zugelassen, daß ein Unschuldiger verhaftet wurde?" Er jammerte laut: "Ja, ja, das haben die!" Ich packte ihn mit beiden Armen und half ihm auf die Beine: "Jetzt mach, daß du heim kommst und heule dort weiter. Sonst brech ich dir noch mehr Knochen!" Er lief sofort weg. Ich steckte mir seine Waffe ein und dachte laut: "Die Mafiosi sind auch nicht mehr das, was sie mal waren." Dann ging ich zurück ins Café. Ich hatte es tatsächlich geschafft, den Fall zu lösen, hätte aber keine Chance gehabt, den wahren Übeltäter hinter Gitter zu bringen. Der wahre Übeltäter war nämlich nicht Jack, nicht Sam, nicht Fredo und seine Mafia oder auch nicht irgend jemand anderes. Der wahre Übeltäter war Captain Miller. Ich bestellte mir einen doppelten Whisky und zündete mir eine Zigarette an. Miller war der Chef dieser Verbrecherbande, deren Mitglieder, zumindest die "Chefs", wohl alle Bullen waren und vor denen sogar die Mafia Angst hatte. Aber das Ganze von Anfang an: Harry war ein junger, engagierter Bulle. Er war äußerst clever und hatte gute Beziehungen zu Kleinkriminellen, die er auch nicht festnahm, da er nur an die "Großen" wollte. Und er war Unbestechlich. Für Miller stellte er also eine absolute Bedrohung dar, und deshalb ließ er ihn durch Sam, der für ihn Drogen verkaufte, ausschalten. Zuffälig ließ Sam am Tatort oder anderswo am Bahnhof seinen Seesack liegen und einer von Millers Leuten fand oder klaute ihn. Miller tat dann die Waffe hinein, die ihm Jack vorher gegen die Kohle zurückgegeben hatte. Und schon hatte er den Mörder. Zwar kam ich ihm in die Quere, doch er wußte, daß ich ihm in der kurzen Zeit nichts anhaben konnte. Aber das änderte sich, als Jack vor seinen Augen wegen Sams Festnahme mit ihm brach, womit er überhaupt nicht gerechnet hatte und er zu allem Überfluß merkte, daß ich einen Zug später zu fahren plante. Er wurde nervös und ließ den völlig fertigen und verängstigten Jack kurzerhand umbringen. Er hatte wohl gewußt, daß er sich manchmal in der Gepäckaufbewahrung aufhielt. Der Jack umbrachte, hatte zwar schlampige Arbeit verrichtet, da er Geld, Kugeln und Handschuh in seiner Tragetasche vermutete und nur diese mitnahm. Aber es dürfte für Miller kein Problem gewesen sein, diese Beweise einfach verschwinden zu lassen und Sam als Mörder zu verurteilen. Fredo war ein verdammter Feigling und eine absolute Flasche, die sich nur mit Waffe stark fühlte und gefährlich war. Aber er war in diesem Fall wirklich unschuldig, auch wenn er und seine Mafia für unzählige anderen Verbrechen verantwortlich waren. Das war die Lösung des Falles, aber ich hatte weder Zeit noch Beweise noch die Autorität um die Sache öffentlich aufzuklären, und Miller wußte das genau. Als ich um 9.38 Uhr 12 Stunden verspätet in den Zug in Richtung Ostküste stieg, hatte man Jacks Leiche inzwischen gefunden und Miller leitete natürlich den Polizeieinsatz. Während ich im noch stehenden Zug saß und zum Fenster rausschaute, sah ich Miller und er sah mich. Er warf mir ein fettes, breites Grinsen zu. Wäre ich schlau gewesen, hätte ich Fredo alles erzählt und sein Pate hätte Miller umlegen lassen. Doch jetzt war es zu spät. Mein Zug setzte sich in Bewegung und mir war klargeworden, daß Miller auf ganzer Linie gewonnen hatte, während ich und vor allem Sam eindeutig die Verlierer waren. Als ich viele Stunden später endlich in Boyertown, meiner Heimatstadt, ankam, war meine Mutter bereits gestorben. Das bißchen Geld, was sie mir hinterließ, reichte nach der Beerdigung für die Rückreise mit dem Flugzeug.