Rikschas, Autos und heilige Kühe
Eine Reisereportage aus Nepal
von Holger Wostratzky

Wer sich heute per Flugzeug der nepalesischen Hauptstadt Kathmandu nähert, erblickt kurz vor der Landung auf dem Tribhuwan Airport ein überdimensional in die Landschaft eingeschnittenes Zeichen: Hammer und Sichel. Das anderswo längst zum Alteisen gewordene kommunistische Kampfsymbol, Relikt der letzten Parlamentswahlen, aus denen die "Kommunistische Partei Nepals - Vereinigte Marxisten-Leninisten" (VML) als stärkste Kraft hervorgegangen ist, findet sich auch an den Häuserwänden nicht nur im dichtbesiedelten Kathmandutal, sondern selbst in den entlegensten Bergdörfern. Das nach demokratischer Wahl kommunistisch regierte einzige Hindu-Königreich der Welt ist ein Land der Gegensätze. Diese spiegeln sich schon in der Landesnatur wider. So umfaßt Nepals Landschaftsbild die unterschiedlichsten Vegetationszonen. Es reicht vom Flachland der an die indische Gangesebene anschließenden feucht-heißen Steppe bis zur von ewigem Schnee bedeckten Hochgebirgsregion des Himalajamassivs mit dem 8.848 Meter hohen MountEverest. Wie in kaum einem Land der Welt variiert das Klima zwischen tropisch und arktisch. Von Schlagloch zu Schlagloch Analog ist auch die Bevölkerung ein Schmelztiegel unterschiedlichster ethnischer Gruppen mit eigenen Sprachen und Gebräuchen. Während weite Teile des Landes nur dünn besiedelt oder ganz unbewohnbar sind, ballt sich die Bevölkerung im Kathmandutal. So hat sich die offizielle Einwohnerzahl der Hauptstadt durch eine hohe Geburtenrate, Landflucht und Zuzug aus Nordindien in den letzten vier Jahren auf rund 700.000 fast verdoppelt, wobei die tatsächliche Zahl noch viel höher liegen dürfte. Was dies allein an Umweltbelastung mit sich bringt, kann nur ermessen, wer einmal den Dauersmog Kathmandus aus Staub und Abgasen verspürt hat. Selbst manch Einheimischer wagt sich nur noch mit Atemschutz auf die Straßen, wo im alten Stadtkern neben Fahrrädern und Rikschas rußende Autos und Motorräder sowie unzählige motorisierte Dreiräder, sogenannte "Tempos", unter ständigem Hupkonzert von Schlagloch zu Schlagloch rattern. Hart prallen hier - nicht nur aus westlicher Sicht - religiöse Tradition und moderner Lebensalltag aufeinander. "Heilige Kühe" irren verloren durch den brausenden Straßenverkehr. Woche für Woche pilgern Tausende einfacher Hindus zur südlich von Kathmandu gelegenen Kultstätte Dakshinkali, um die blutrünstige Göttin Kali mit Schlachtopfern zu besänftigen. "Wir beten mit Farbe, Blumen, Reis und Tieren", erläutert Rustan Darshandari, Schüler des Kathmanduer Goethe-Instituts. Aber nicht nur für Europäer ist das hinduistische Götter-Pantheon mit Tausenden von Gottheiten und ihren vielfältigen Erscheinungsformen kaum zu verstehen. Obwohl offiziell eigentlich abgeschafft, hat das altindische Kastensystem immer noch erhebliche Auswirkungen auf die nepalesische Gesellschaft. Shawi Siwakota, Brahmane aus der obersten Kaste, hat eine Frau der zweiten Kaste geheiratet. Diese steigt automatisch in die höhere Kaste auf, die Kinder aber können erst nach fünf Generationen wieder Brahmanen werden. "Dann wird es dieses System nicht mehr geben", meint Siwakota, dessen Vater noch täglich alle vorgeschriebenen Rituale erfüllt. Das religiöse Leben in Nepal ist äußerst komplex, nicht zuletzt auch dadurch, daß sich hier im Laufe der Zeit der Hinduismus eng mit dem Buddhismus verwoben hat. Nepal, Land im Umbruch "In zehn Jahren, wenn wir erst eine breitere Schulbildung haben, wird sich hier vieles verändern", meint Anurodh Rana, Student der Kulturgeschichte an der Universität in Kirtipur. Er kommt aus einer der einst mächtigsten Familien des Landes, dem Rana-Clan, der auch heute noch beträchtlichen Einfluß hat. Sein Vater war Professor in Oxford, einer seiner Ahnen Ministerpräsident des Landes. Er ist sicher, daß bei den letzten Wahlen nicht alles mit rechten Dingen zugegangen sei; auf dem Land habe es regelrechten Stimmenkauf gegeben. Tatsächlich sind in Nepal noch rund 70 Prozent der Bevölkerung Analphabeten und daher verwundert es nicht, daß radikale Parolen bei der besitzlosen Unterschicht Zulauf finden. Dieser Darstellung widerspricht Thomas E. Gafney, Direktor der katholischen "St. Xaviers Social Service Centres" in Patan, entschieden und energisch. Der amerikanische Jesuitenpater, Leiter zahlreicher Sozialeinrichtungen von der Armenschule Seto Gurans bis zu Rehabilitationszentren für Behinderte und drogenabhängige Jugendliche, hält die Regierungsübernahme der Kommunisten für "a good way". Nicht, daß Gafney überall für Kommunismus wäre. Aber dessen Erscheinungsform in Nepal sei kein ideologischer Kommunismus wie in China oder einst in Osteuropa, sondern viel eher mit einer sozialdemokratischen Richtung zu vergleichen. Nach Wiedereinführung des demokratischen Mehrparteiensystems 1990 habe sich die herrschende Kongreßpartei als zu korrupt erwiesen. Es müsse endlich etwas für die Armen getan werden. Nepal, mit einem Pro-Kopf-Einkommen von 270 Mark im Jahr eines der ärmsten Länder der Welt, befindet sich kulturell, sozial und politisch im Umbruch. Angesichts schier unlösbarer Entwicklungsprobleme in allen Lebensbereichen kann man es auch mit einem Pulverfaß vergleichen.