Als Oma beim Wäscheaufhängen beschossen wurde
Auf der Flucht in die letzten Kämpfe des Weltkriegs geraten / Die Stalinorgeln heulten pausenlos
von Karolin Lubczyk
"Das heutige Wetter erinnert mich an den Tag, an dem wir fliehen mußten, sagte meine Oma, "genauso kalt und regnerisch." Hellhörig geworden, bitte ich Sie, mehr zu erzählen. Sie lebte damals, vor 51 Jahren, in einem kleinen Ort namens Ruderswald im Kreis Ratibor - einem kleinen deutschen Flecken zwischen Polen und der Tschechoslowakei. Es war der letzte Winter des Zweiten Weltkriegs; durch die immer näher heranrückende Ostfront befand sich meine Großmutter in gefährdeter Lage. Den einzigen Ausweg für sich und ihre drei Kinder - ihr Mann war im Krieg gefallen - sah sie in der Flucht zu ihren Eltern, die in Freiberg im Sudetenland lebten. Doch das war schwierig, da für ihren Heimatort noch kein Räumungsbefehl vorlag. So gab sie einen Besuch bei ihren Eltern als Vorwand an. Ihre Entscheidung erwies sich als richtig, denn als sie nach Hause kam, stand vor dem Hoftor ein Offizier der Feldgendarmerie mit seinem Pferd. "Er konnte kaum noch die Zügel in den fast erstarrten Händen halten und fragte mich "Mein Gott, was machen Sie denn noch hier? Eine schwere Geschützeinheit geht eben in Ihrem Garten in Stellung. Die Wohnungen werden für die Männer gebraucht."" Um den Bahnhof Oderberg zu erreichen, mußte sie die verminte Oderbrücke überqueren. Scharen anderer Flüchtlinge und entgegenkommende Wehrmacht erschwerten den Weg zusätzlich. "Endlich am Bahnhof angelangt, hatte ich das einziges Ziel, mit meine Söhne in ein Zug zu gelangen, der nach Freiberg fuhr." Die einzige Möglichkeit war ein Zug Richtung Wien, der während eines russischen Luftangriffes abfahren mußte, so daß viele Menschen auf dem Bahnsteig zurückblieben. Nach hastigem und beschwerlichem Umsteigen in Studingen fuhr die Familie mit der Werksbahn der Tatra-Werke nach Freiberg, wo sie erst am nächsten Tag ankam. Doch schon nach einigen Tagen, es war der 60. Geburtstag meiner Urgroßmutter, wurden die Einwohner Freibergs aufgefordert, die Stadt zu verlassen und nach Hohen-stadt/March zu fahren. Auch dieser Weg war nicht leicht, da Panzersperren und Splittergräben das Weiterkommen fast unmöglich machten. So erreichten sie nach vielen Stunden das nahe Hohenstadt, wo sie lange in einem Verwaltungsgebäude warten mußten, bis sie eine Familie fanden, die sie aufnahmen. Das Leben war jedoch nicht so sicher, wie sie gehofft hatten. Großmutters Eltern mußten wieder zurück nach Freiberg, weil ihr Vater dienstverpflichtet war. Großmutter mußte mit den rationierten Lebensmitteln auskommen; Heizmaterial war schwer zu beschaffen, da Holzsammeln bald wegen der Partisanengefahr nicht mehr möglich war. Eines Tages wurde sie im Garten beim Wäscheaufhängen beschossen: "Glücklicherweise wurde nur das Wäschestück von der Kugel durchlöchert." Mittlerweile wurde es Frühling; auch die Eltern waren nun nach Hohenstadt evakuiert, und immer öfter wurde das Zentrum der kleinen Stadt von Tieffliegern angegriffen. Wieder blieb keine andere Möglichkeit als zu fliehen. Es war der 7. Mai, der Geburtstag ihres verstorbenen Mannes, an dem sie sich mit ihren Kindern und einer Bekannten, ebenfalls Mutter von zwei Kleinkindern, auf den Weg nach Westen machte. Ihre Eltern hingegen kamen noch nicht mit, sie warteten auf eine befreundete Frau. Die Folge war, daß sie sich für eine längere Zeit nicht wiedersehen sollten, denn die später abgehenden Fahrzeuge wurden umgeleitet. Schon wurde die Umgebung Hohenstadts von russischen Einheiten eingenommen; über Straßen und Feldwege war die Flucht nicht mehr möglich. Also floh die siebenköpfige Gruppe entlang der Bahngleise aus der Gefahrenzone. Gegen Abend erreichten sie eine sehr befahrende Straße, auf der sie von einem Wehrmachts-LKW mitgenommen wurde. Die Fahrt endete in Zittau, wo das Fahrzeug wegen Treibstoffmangel stehenblieb. So ging die Gruppe in den Ort hinein. Als sie eine Brücke überquerte, wurde sie von einer Partisanin angehalten. Wortlos nahm diese meiner Großmutter die Handtasche ab und schüttete den gesamten Inhalt in das fließende Gewässer. Geld und alle Papiere, Urkunden und wichtige Dokumente - alles schwamm davon. Die Stadt verließen sie mit einer bespannten Einheit. Das Ziel der Reise war ungewiß. Nach endlos scheinender Fahrt kamen sie in einen kleinen Ort, wo sie für kurze Zeit in einem Schulhaus Zuflucht fanden. Noch heute sieht Oma den Anblick der zum Teil schwerverwundeten Soldaten vor sich, die dort - wie andere Flüchtlinge, die nicht mehr weiter konnten - auf ihren Abtransport warteten. Da meine Oma keine Zeit verlieren wollte, machten die beiden Frauen sich bald wieder mit den Kindern auf. Wieder wurden sie von einem Wehrmachtsauto mitgenommen. "Es war eine Berliner Einheit. Die Soldaten sorgten sich um ihre Familien, von denen sie schon lange nichts mehr gehört hatten. Immer wieder wurden sie von Partisanen beschossen, die in den Bergen ihre Schlupfwinkel hatten." Aber es kam noch schlimmer. Bei Deutsch-Brod gerieten sie mitten in die letzten Kämpfe des Krieges. Rechts und links hohe Berge, dazwischen im Tal die Straße, die sie befuhren. Die Stalinorgeln der Roten Armee in den Bergen heulten pausenlos. Überall lagen Verletzte und Tote. Eine Frau, die mit ihrem Säugling auf dem Arm am Straßenrand stand, lag einen Augenblick später auf der Erde. Großmutter und ihre Bekannte kamen unverletzt aus dem Engpaß heraus. Mit Rosinen versuchte sie, die Kinder von den schrecklichen Erlebnissen abzulenken. "Es wurde langsam Nacht. Wir wollten zur Moldau, um nicht den Russen in die Arme zu laufen, denn es hatte sich herumgesprochen, am anderen Moldauufer seien die Amerikaner. Leuchtspurmunition erhellte zeitweise die Nacht taghell. Schüsse peitschten. Ein vorbeisausender Kradmelder schrie: "Russische Panzer von rechts!", gleich danach kam es von der anderen Seite: "Russische Panzer von links.!"" Der Fahrer fuhr bis zum letzten Tropfen. Niemand konnte sprechen, als die weiße Fahne hochging. Das Auto wurde nach Munition durchsucht, und nach Hilfswilligen (Deutschrussen): "Diese wurden, wie man uns sagte, als Verräter erschossen." Meine Großmutter, ihre Begleiterin und die Kinder wurden nach Tabor in ein Internierungslager gebracht. Zwei Monate lebten sie dort unter strenger Kontrolle und litten Hunger; diese Zeit der Haft war schlimmer als alles bisher Erlebte. Nach der Freilassung Ende Juli begaben sie sich in Richtung Heimat, denn der Weg nach Westen war nicht erlaubt. Dieser schwere Weg dauerte bis in den August 1945. Auch ihre Eltern hatten das zum Teil zerstörte Haus aufgesucht. Nur kurze Zeit später erfuhr meine Großmutter von einem Bekannten, daß ihr Vater am nächsten Tag in ein Straflager gebracht werden sollte. Er floh noch in derselben Nacht. Sie hat ihn nie wiedergesehen.