Weder Pazifisten noch Samariter
Die meisten Zivildienstleistenden entscheiden über die Gewissensfrage mit nüchternem Kalkül
von Holger Wostratzky

"Ich habe selten solchen Frust erlebt wie bei der Bundeswehr. Das ist ein ganz vergammelter Haufen." Der dies sagt, ein junger dynamischer Industriekaufmann, hat seinen Wehrdienst gerade hinter sich und muß sich nun wieder im nicht uniformierten Alltag zurechtfinden. Sein Bruder, der vor dem Abitur steht, hat mit nüchternem Kalkül die Gewissensfrage entschieden: er macht "Zivi" in einer Jugendherberge. Dies ist durchaus kein Einzelfall. In vielen gutbürgerlichen Familien, wo der erste Sohn noch ganz selbstverständlich "zum Bund" gegangen ist, verweigert der zweite. Vor allem bei den Abiturienten hat die Verweigerung überproportionale Formen angenommen. Vom ganzen männlichen Abiturjahrgang 1996 eines hessischen Gymnasiums wollen nur noch 60 Prozent zur Bundeswehr. 1995 gab es mit mehr als 160 000 Kriegsdienstverweigerern die höchste Zahl, und sie steigt 1996 offenbar noch weiter an. Trotzdem könne der Bedarf an Wehrpflichtigen "voll gedeckt werden", verlautet aus dem Verteidigungsministerium. Als 1960 der Deutsche Bundestag das Gesetz über den zivilen Ersatzdienst verabschiedete, gab es im folgenden Jahr in der gesamten (alten) Bundesrepublik gerade 150 Zivildienstleistende. 1970 waren es 4500, drei Jahre später schon 10500. Der große Schub kam aber erst im letzten Jahrzehnt. 1986 kletterte die Zahl über fast 60500. Waren es anfangs höchstens ein bis zwei Prozent eines wehrpflichtigen Jahrgangs, die unter Berufung auf Artikel 4 Absatz 3 des Grundgesetzes den Dienst mit der Waffe ablehnten und sich für einen zivilen Ersatzdienst entschieden, so ist es heute ungefähr ein Drittel. Gegenwärtig leisten 122000 Männer ihren Zivildienst, teilt das Bundesjugendministerium mit. Der Tag scheint absehbar, da es mehr Zivildienstleistende in einem männlichen Jahrgang gibt als grundwehrdienstleistende Soldaten. Faktisch können heute junge Männer frei entscheiden, ob sie der Wehrpflicht alternative, gesellschaftlich anerkannte Dienste vorziehen. Waren es nach den Studentenunruhen 1968, nach Notstandsgesetzen, Vietnam-Krieg und Friedensbewegung eher politische Motive, so ist mittlerweile der Trend zu individuellen Gewissensgründen und gewissen individuellen Gründen unverkennbar. "Das Leben als Zivi ist doch viel einfacher, und meine Freundin kann ich dann auch jeden Tag sehen", erklärt Christian, der in diesem Sommer seinen Zivildienst bei der Caritas ableisten wird. Keinen "Bock", sich herumkommandieren zu lassen, ist Christophs Begründung zum Gewissensentscheid. Noch nie war es so einfach, als Kriegsdienstverweigerer anerkannt zu werden. Nach der Neuregelung des Prüfungsverfahrens 1984 brauchen die Antragsteller nur noch einen Brief mit Angabe der Verweigerungsgründe an das Bundesamt für den Zivildienst zu senden. Eine Kommission prüft diese und entscheidet, ob sie ausreichend oder anzweifelbar sind. Eine mündliche Anhörung ist jedoch die große Ausnahme. Während die Jugendlichen früher in Prüfungsausschüssen gestandenen Männern gegenübersaßen, nicht selten Kriegsteilnehmern, denen "Verweigerung" fremd war, gibt es derzeit Anerkennungen fast am Fließband: Fast 90 Prozent aller Anträge werden positiv beschieden. Die Jugendlichen wissen nur zu genau, worauf bei der schriftlichen Antragsbegründung zu achten ist. In den gymnasialen Oberstufen kursieren oft regelrechte Musterbriefe. "Wozu sich unnötige Arbeit machen und dann doch nicht anerkannt werden, wenn es auch leichter geht?" denkt sich so mancher Oberstufenschüler. Das ganze Anerkennungsverfahren ist irgendwie fragwürdig geworden. "Notgedrungen" wird das Gewissen immer noch strapaziert, die tatsächlichen Verweigerungsgründe sind aber oft viel prosaischer. Die meisten Zivildienstleistenden sind weder idealistische Pazifisten noch barmherzige Samariter. Sie sind wahrscheinlich auch nicht egoistischer als ihre wehrdienstleistenden Altersgenossen. Die meisten sind einfach Pragmatiker. "Warum", so fragt der 19 Jahre alte Tobias, "soll ich zehn Monate meines Lebens sinnlos verplempern, wenn es eine Wahlmöglichkeit gibt?" Der Hinweis auf Alkohol- und Drogenprobleme bei der Bundeswehr ist eher vorgeschobenes Argument. Die "Gewissensentscheidung" erfolgt oft in Form einer persönlichen Güterabwägung, nicht emotional, sondern bewußt und überlegt. Und da spricht manches für den Zivildienst. Nicht zuletzt auch finanziell. Der Wehrsold kann mit zivilen Vergütungen nicht mithalten. Gerade durch kleinere Nebenjobs, z.B. an der Tankstelle von nebenan, lassen sich die ca. 500 Mark um ein Vielfaches aufstocken. Da schreckt auch durchaus nicht ab, daß der Zivildienst drei Monate länger als der Wehrdienst dauert. Zivildienstleistende sind nicht der militärischen Disziplin unterworfen und können sich im allgemeinen ihre Beschäftigungsstelle und damit ihren Beschäftigungsort selbst aussuchen. Zwar ist auch heute noch die Hälfte der Zivis im Pflege- und Betreuungsdienst tätig, dazu arbeiten knapp vier Prozent in der individuellen Schwerstbehindertenbetreuung; gefragter aber sind die mobilen und sozialen Hilfsdienste, "handwerkliche Tätigkeiten" wie ein Hausmeisterposten in einer Jugendherberge, Küchendienste usw. "wer zuerst kommt, malt zuerst", heißt hier die Devise. An der Entwicklung der Quote der Kriegsdienstverweigerer läßt sich der Ansehensverlust des uniformierten Dienstes ablesen. Fakt ist: Seit der "Wende" hat die Motivation zum Soldatendienst enorm gelitten. Wurden Zivis früher als "Randgruppe mit abweichendem Sozialverhalten" behandelt und als Rechtsbrecher und Drückeberger diffamiert, so betrachtet die Mehrheit sie heute keineswegs mehr als Außenseiter, sondern als durchaus "normale" junge Männer, die einen anderen, aber keinen geringeren Dienst leisten als die Soldaten. In der Versorgung alter, kranker und behinderter Menschen jedenfalls sind Zivis nicht mehr wegzudenken.