Evolution

von Holger Wostrazky

Ohrenbetäubender Lärm. Unaufhörlich fließt der tosende Autostrom die gut ausgebaute vierspurige Straße hinunter in die Stadt, vorbei an der sich im öligen Asphalt spiegelden Silhouette des Aschenbergs. Zwei Kinder spielen am Straßenrand. Sie fesseln sich gegenseitig nach Indianermanier mit dem abgerollten Magnetband einer Videokassette an ein verrostetes Halteverbotsschild. Ganz nahe der steinerne Wal, den man aus Beton geformt und vor Jahrzehnten zur Verschönerung der Gegend an den Straßenrand geklotzt hat. Nun ist er von den Abgasen der vorbeiströmenden Autos aschgrau geworden und versinkt langsam aber stetig im Müll. Inzwischen ist den Kindern das Fesselspiel mit dem Videoband zu langweilig geworden. Sie versuchen das Schild durch rhythmisches Schütteln umzuwerfen; rufen sich etwas zu, ihre Stimmen werden aber vom Verkehrslärm verschluckt. Schließlich geben sie auf, gelangweilt ziehen sie von dannen. Eine alte Frau mit eingefallenem Gesicht blickt tonlos und mißtrauisch auf zwei Kinder, die ihr entgegenkommen. Sie überquert die breite Straße - wirkt darauf etwas verloren. Sie kommt mir entgegen, blickt mich kurz an. Neben der alten Frau sieht man das Werbeplakat eines Schmierstoffherstellers: Auf dem Planeten Erde hat sich ein riesiger Ölkanister breitgemacht, der bis in den Weltraum ragt. "Evolution" - so lautet die Überschrift in großen Lettern!