Ein Jemand
Momentaufnahme aus einem Einkaufszentrum

von Arno Westerhoff
wes.NEU-ISENBURG.19.November 1994. Ein Jemand sitzt am Fuße einer Säule, auf einer Bank. Im Untergeschoß dieser Zwei-Klassen-Einkaufswelt, da wo es die billigeren Waren und Läden gibt. Pelzmütze, Plastiktüte und Die Zeitung sind Requisiten dieser scheinbar belanglosen Szenerie. Immerhin ein warmer trockener Platz. Die offensichtlich karge Rente läßt keinen Spielraum für modische Extravaganzen: graue Hose, grauer Pullover, Windjacke; ein grauer Fleck im rot-golden glitzernden Konsumtempel, für manche - wie den Jungdynamischen oben an der Brüstung, natürlich mit Handy - fast schon eine Beleidigung. Die Zeitung bringt ein paar Farbflecken in die graue Tristesse. "Saurier-Gen in 600 Meter Tiefe entdeckt" ist großformatig zu lesen, darunter entblößte Weiblichkeit. Ob der alte Mann versteht? Mißtrauisch, scheu mustert er seine Umgebung, dann senkt sich sein Blick wieder auf das bunte Blatt. Er liest nicht wirklich. Die Zeitung gibt ihm ein bißchen Sicherheit, schafft Legitimation für das Dasein - so muß er nicht in den Regen hinaus. Außerdem wird er garantiert nicht angesprochen werden, muß keine Fragen beantworten. Die Passanten hasten hier unten, wo man das Toillettenpapier kauft, achtlos an ihm vorbei. Strandgut, für das niemand etwas geben will, Konkursmasse der Konsumgesellschaft: Inmitten der rastlosen Geschäftigkeit hockt ein Vergessener, ein namenloser Jemand.